Fassadengruen
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Wandgebundene Begrünungssysteme

Technisierte Begrünungssysteme sind eine Alternative zur klassischen Fassadenbegrünung. Sie nennen sich “Living Wall” oder “Vertikale Gärten” und werden in der Architektur zunehmend eingesetzt, vor allem bei sehr repräsentativen Fassaden und bevorzugt in Südeuropa und Fernost (z. B. Singapur).

Wandgebunde Begrünungen ("Vertical gardens") am WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen
Wandgebunde Begrünungen ("Vertical gardens") am WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen
Große Wirkung mit hohem Preis

Für dieses Begrünungskonzept entscheiden sich besonders Betriebe aus der grünen Branche und solche, die eine entsprechende Zugehörigkeit oder manchmal auch edlen Luxus demonstrieren wollen. Ein Pionier ist hier der Franzose Patrick Blanc mit seinen "Vertikalen Gärten". Das Grün wächst dort nicht vom Erdboden oder aus bodenständigen Kübeln nach oben, sondern sitzt in Form bepflanzter Module oder Textilbahnen auf der Fassade. Es ist sofort oder wenige Wochen nach der Installation voll präsent. Und: Solche Begrünungen sehen auch im Winter erstaunlich gut aus, sind also weitgehend “wintergrün”.

Solche Fassadengärten sind meist sehr teuer. Im unteren Segment gelten Preise ab 300 Euro pro begrüntem Quadratmeter (Stand 2020), im mittleren Segment ca. 700 Euro und nach oben ist keine Grenze gesetzt. Der oberste bisher publizierte Wert beträgt 2.750 Euro / qm für die Begrünung am Kottbusser Tor in Berlin. Der “Bundesverband GebäudeGrün" nennt 2026 als unteren Richtwert 450 Euro pro Qudratmeter, s. hier: https://www.gebaeudegruen.info/faq-fassadenbegruenung. Für vier verschiedene, jeweils sechs Quadratmeter große Versuchsflächen erhielt die ”Bayrische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau" im Jahr 2013 von den Systemanbietern Bruttopreise von 915 bis 1278 Euro pro Quadratmeter (Jürgen Eppel, “Vertikales Grün - Zukunft oder Luftnummer?”, 2016). Der oberste bisher publizierte Wert beträgt 2.750 Euro / qm für die Begrünung am Kottbusser Tor in Berlin s. hier: https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1623764.php

Zugleich sind diese Begrünungen pflegeintensiv. Laut der eben genannten Quelle lagen die Pflegekosten während des zweijährigen Versuchs-Zeitraumes bei ca. 20 bis 150 Euro pro Jahr und Quadratmeter. Hier sind Einsparungen möglich, aber nur bis zu einer gewissen Grenze siehe unten, sonst drohen Verwahrlosung und Niedergang der Begrünung!

Leitbilder

Für solche Begrünungskonzepte werden zwei Leitbilder kombiniert. Zum einen ist es die Fähigkeit einiger Pflanzen, mit wenig Mutterboden auf Felsen, Steinplatten usw. wachsen zu können. Daraus entstand die Idee, das auch auf Mauern und Haus-Fassaden zu übertragen. Die zweite Idee war, aufgehängte Blumenkübel wie in den Straßen Südeuropas oft zu sehen dicht neben- und übereinander zu packen und damit nicht nur punktuelle, sondern flächige Effekte zu erzeugen. So entstanden modulare Begrünungssysteme.

Umsetzung

Die Pflanzen wachsen aus speziellen Töpfen, Pflanztaschen, Substratplatten oder Textilbahnen frei in den Raum, Bewässerungseinrichtungen nebst Pump- und Meßtechnik sind meist mit verankert. Auch eine automatische Zufuhr von Düngemitteln ist oft integriert. Rankhilfen sind bei solchen Projekten meist nicht erforderlich.

Alternativen

Preiswerte Begrünungssysteme sind beipielsweise die "Hecke am laufenden Meter", die sich auch zur Fassadenbegrünung eignet, oder Hängesysteme mit Töpfen und Pflanztaschen, die manuell bewässert und im Winter abgenommen werden. Eine weitere Variante ist der Einsatz von Selbstklimmern in durch Vor- oder Rücksprünge abgegrenzten Wandfeldern, wodurch ein definierter Flächenbewuchs entsteht. Hier ist der Pflegeaufwand auch gering.

„Living Wall“ am Rubens at the Palace Hotel in London / Großbritannien, 2025Eine Grünfassade am Gemeindeamt beim Europaplatz 1, Wiener Neudorf / Österreich, 2026Ein sehr großer "Vertical garden" (600 qm) an einem technischen Gebäude, Linke Wienzeile / Pfeiffergasse in Wien / Österreich, 2026Mit ca. 2.750 Euro / qm (390.000 Euro für 140 qm) eine besonders teure, aber sehr schöne Fassadenbegrünung: Adalbertstraße 2 in Berlin, 2026Fassadenbegrünung an einem Bankgebäude, Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1 in Wien / Österreich, 2026Zwei "Vertikale Gärten" als Graffitischutz an einem integrativem Wohnprojekt, Benedixstraße in Leipzig / Sachsen, 2026Living wall von Patrick Blanc am ehemaligen Kaufhaus "Galeries Lafayette" in Berlin, 2010Living wall von Patrick Blanc am ehemaligen Kaufhaus "Galeries Lafayette" - 12 Jahre später sind jetzt andere Pflanzen und Muster zu sehen. Berlin 2022Ein "Vertikaler Garten" an einem Bankgebäude, Wienerbergstraße / Karl-Schwanzer-Gasse in Wien, 2026Dieser "Vertical garden" wurde Ende 2022 am Giebel eines Wohnhauses installiert und finanziert sich über die Werbefläche. Willmanndamm / Potsdamer Straße in Berlin, 2026Fassadenbegrünung mit zwei "Vertikalen Gärten" an einem Wohnhaus, Seegasse 2 in Wien / Österreich, 2026Kombination von bodengebunder Begrünung mit Pfeifenwinde (links - Aristolochia macrophylla) und einem Vertical garden, integrative KiTa in der Benedixstraße in Leipzig / Sachsen, 2026"Vertical Garden" von Patrick Blanc am Musée du Quai Branly in Paris / Frankreich, 2013Eines der ersten Projekte wandgebundener Fassadenbegrünung (2010): Bürogebäude Einsiedlergasse 2 in Wien / Österreich, 2026Ein mit Modulen begrüntes Hotel in der Breiten Gasse 9 in Wien / Österreich, 2026Wandgebundene Begrünung an einem Geschäftshaus, Hietzinger Kai 131 in Wien / Österreich, 2026Lange Grünfassade an der Technischen Universität, Favoritenstraße 9 in Wien / Österreich, 2026 Eine lange "Greenwall" an einem Brühaus, Alfred-Dallinger-Platz 1 in Wien / Österreich, 2026Begrünungen an einem Bürogebäude, Clemens-Holzmeister-Straße in Wien / Österreich, 2026Begrünte Wandstreifen am Krankenhaus der „Barmherzigen Schwestern“, Stumpergasse 13 in Wien / Österreich, 2026Eine "Grünwand" an einem Wohnhaus, Wachaustraße / Wehlisstraße in Wien / Österreich, 2026Eine "Living Wall" in MexikoPreiswerte "Grün-Module" mit Wildem Wein (Parthenocissus tricuspidata) und in der Wandflucht versetzten Rankfeldern - s. Text.Einfaches Begrünungssystem mit "einjährigen Pflanzen" in aufgehängten Pflanztaschen
Ein Beispielprojekt: WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen

Das Bauvorhaben, bestehend aus zwei 60 bzw. 45 Meter hohen Wohntürmen und einer großen “Stadtvilla” wurde 2022 fertiggestellt. Bauherr ist die “QUARTERBACK Immobilien AG”, der Entwurf wiederum stammt von “Worschech Architekten” in Erfurt. Vorbild für die Entwurfsidee war der “Bosco Verticale” (Vertikaler Wald) in Mailand.

Vertikales Grün war also von Anfang an vorgesehen, und zwar mit beachtlichen 2.000 qm Fläche. Damit ist das WIR-Quartier in Deutschland schon eines der sehr großen Projekte mit “Living walls”! Das Gebäude-Ensemble enthält Wohnungen aller Größen und Zuschnitte, eine KiTa und mehrere Gewerbe-Einheiten im Erdgeschoß. Jeder im Gebäude soll irgendwo Anschluß an ein Stückchen Grün haben, deshalb die kleinteilige Struktur der Begrünungsflächen. Zum Einsatz kam das holländische System “SemperGreenwall Outdoor”, bei dem die Pflanzen in Textil-Kassetten stecken und von hinten bewässert werden.


Die Südwest-Fassaden der beiden begrünten Hochhäuser vom WIR-Quartier in Erfurt / ThüringenDie sonnige Südostseite des 60 m hohen Wohnturmes des WIR-Quartiers in Erfurt / ThüringenBegrünte Flächen mit Brüstungen oder mit Absturzsicherung aus Netzen, WIR-Quartier in Erfurt / ThüringenDie Pflanzenmischung für die "Sonnenseiten" im 14. und 15. Geschoß am WIR-Quartier in Erfurt / ThüringenBegrünte Wandfelder auf einer der "Sonnenseiten", WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen"Living walls", begrünt mit dem Mix an sonnenverträglichen Pflanzen am WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen Begrüntes Wandfeld mit den "Sonnenpflanzen" im Erdgeschoß des WIR-Quartiers in Erfurt / ThüringenPflanzen-Kombination für die sonnigen Living-Walls des Gebäudes im Frühherbst, hier im Erdgeschoß. WIR-Quartier Erfurt / ThüringenEin "Vertical Garden" auf der Sonnenseite im Bereich der KiTa, bepflanzt vorrangig mit Kaukasus-Storchschnabel (Geranium renardii) und einigen Exemplaren von Weicher Frauenmantel (Alchemilla mollis), Erfurt / ThüringenEine Sonnen- und eine Schattenseite am kleineren der beiden Wohntürme, WIR-Quartier in Erfurt / ThüringenAn dieser Stelle kam die "Schatten-Mischung" der Pflanzen zum Einsatz. WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen"Living walls" auf einer der Schattenseiten im WIR-Quartier Erfurt / Thüringen, 2025“Vertical gardens” mit und ohne Seilnetze auf einer der Schatten-Seiten, WIR-Quartier in Erfurt / ThüringenBepflanzung einer Schattenseite. Hier ist die kassettenartige textile Unterkonstruktion zu sehen. WIR-Quartier in Erfurt / Thüringen
Probleme und Risiken bei mangelnder Pflege von Living walls

Solche Grünfassaden sind relativ teuer, wie der Kostenvergleich zeigt. Das betrifft Investition und auch die laufende Pflege und führt mitunter zum Rückbau der Kunstwerke wie bei zwei “Living walls” von Patrick Blanc in Berlin und in Wien, wo jeweils ein Luxus-Kaufhaus geschlossen und dann auch die zugehörige Begrünung stillgelegt wurde.

Eine “Living wall” bzw. ein “Vertical garden” präsentiert sich nach Installation meist sehr schnell in der gewünschten Qualität und Flächendeckung, das heißt, das “Begrünungsziel” ist schon nach kurzer Zeit erreicht. Anschließend geht es darum, diesen Zustand durch Pflege und Wartung (Bewässerungsanlage) bestmöglich zu erhalten. Dabei kommt es zu den genannten hohen Kosten.

Wohl dem, der über diesen Aufwand vorab unterrichtet war! Andernfalls entsteht die Versuchung, die Kosten zu reduzieren, Pflegegänge einzusparen usw.. Das kann dazu führen, dass die Fassadenbegrünung schnell unordentlich aussieht, Lücken beim Bewuchs entstehen und diese mangels Nachpflanzung dann sogar immer größer werden. Auch unerwünschtes Unkraut kann sich ansiedeln und ausbreiten. Beispiele dazu sehen Sie in der folgenden Bildgalerie.

Bei solch schrägem Blickwinkel sieht eine Begrünung fast immer passabel und ideal aus, mangelnde Flächendeckung fällt da nicht ins Auge.Wenn man direkt vor der Living wall steht, fallen die ausgefallenen Pflanzen stärker auf.Manche Pflanzen wie hier Storchschnabel (Geranium) wachsen so üppig, dass sie Lücken in der Bepflanzung überdecken.Im Schatten brauchen die Pflanzen nach kräftigem Rückschnitt etwas mehr Zeit, bis im Frühsommer dann wieder eine Flächendeckung von 100 % erreicht wird.Unterlassene Pflege, also kein Rückschnitt kann auch zu einem üppigen Wuchs führen, mit Einschränkungen bei der Sicht aus den oberen Fenstern ("Schießscharten"-Effekt).Ab einer gewissen Ausfallquote wird die zeilenförmige oder wabenförmige Struktur der Unterkonstruktion sichtbar, das wird ggf. als störend empfunden.Spätestens bei nur noch ca. 60 % Flächendeckung wird die dann sichtbare technische Unterkonstruktion aber als unangenehm empfunden.Verschiedene Pflanzen können je nach Wuchstyp Fehlstellen in einer Begrünung besser oder auch schlechter kaschieren.Pflanzen mit größeren Blättern können Fehlstellen besser verdecken als zierliche Stauden und Gräser.Hier sind die Ausfälle von Pflanzen inzwischen beträchtlich, die Flächendeckung liegt nur noch bei ca. 50 %. Eine Flächendeckung von nur ca. 50 % muss nicht per se unattraktiv sein, sondern kann auch "gewollt" aussehen!Wegen unterlassener Nachpflanzungen liegt hier die Flächendeckung nur noch bei 30 - 40 %.Wenn man nicht so genau hinschaut: Schöne, begrünte Balkonflächen!Hier beträgt die Flächendeckung mit grünen Pflanzen nur noch ca. 20 %, aber auch nicht abgeschnittene Pflanzenteile bedecken Teile der Fläche.Auch in dieser Living wall gibt es Ausfälle und es haben sich "Unkräuter" angesiedelt, vermutlich Goldrute (Solidago virgaurea). Es fand auch keine Pflege statt, bei der abgestorbene Triebe hätten entfernt werden müssen.Es muss immer Pioniere geben, die Neues ausprobieren und damit ggf. auch bittere Erfahrungen sammeln. Hier handelt es sich um eine wandgebundene Begrünung der "zweiten Stunde" (2020), die stark an Attraktivität verloren hat.Detail zum Foto zuvor: Eine wandgebundene Begrünung, die vermutlich aus der Pionier-Zeit um 2015 stammt.Zeitig im Frühjahr denkt man, die Begrünung braucht vielleicht noch etwas Zeit, um nach dem Winter so richtig aus den Startlöchern zu kommen.Der genau Blick zeigt jedoch: Diese Begrünungs-Module sind leider verwahrlost, die Pflanzen komplett abgestorben.Das ist keine künstlerische Wand-Plastik mit alten Bett-Matratzen, sondern es ist eine abgestorbene Living wall. Florenz / Italien, 2021Im Zuge des Niedergangs der Friedrichstraße und der Schließung des Kaufhauses „Galeries Lafayette“ wurde auch die Living wall von Patrick Blanc einfach entfernt. Berlin, 2026Bei unterlassener Pflege entstehen Lücken, und es siedeln sich unerwünschte Pflanzen an wie diese Brennnessel (Urtica dioica). Wenn sie nicht entfernt wird und stattdessen Samen wirft, gibt es bald überall Brennesseln in dieser Wandbegrünung!Einsiedlergasse 2 in Wien / Österreich: Einst (2010) ein Pionier-Projekt wandgebundener Begrünung, inzwischen (2026) durch mangelnde Pflege jedoch ein "Brennnessel-Haus" siehe nächstes Foto.Einsiedlergasse 2 in Wien / Österreich. Schon von Ferne zu riechen, aber erst aus der Nähe sichtbar: Das üppige Grün dieser Living wall besteht hauptsächlich aus Brennnesseln (Urtica dioica).Eine Ausnahme, bei der die Pflanzen einer Living wall sich auch manuell bewässern lassen. Meist ist dies aufgrund der Höhe leider nicht möglich.