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Historismus (ca. 1850 - 1914)

Ab 1850 ging es in Europa mit dem Weinbau bergab, er zog sich auf wenige, klimatisch begünstigte Gebiete zurück. Schuld waren Reblaus und neue Pilzkrankheiten, die auf Spaliere übergriffen. So wurde Traubenwein in der Bauwerksbegrünung von Blatt- und Zierpflanzen verdrängt. Einem Trend aus England folgend erhielten Landhäuser und Villen nun üppige Begrünungen mit reinen Zierspalieren - Rosen und Clematis sind seitdem nicht mehr wegzudenken! Auch die Lauben der immer zahlreicher werdenden Kleingärten wurden begrünt. In der Industriearchitektur sowie im Geschosswohnungsbau der "Gründerzeit" ab 1871 hingegen spielte Gebäudebegrünung kaum eine Rolle, parallel entstand aber ab 1900 die Gartenstadt-Bewegung. Sie wird separat beschrieben.

Mit Knöterich begrüntes Schloss im Tudorstil (Neogotik), Püchau / Sachsen

Fassadengrün als Schmuckelement

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten Gebäude Grünschmuck, wenn der Kaiser oder König kam. Dies beruhte auf der alten Tradition, nichts fortzuwerfen und stattdessen alles zu verwenden, so auch den Verschnitt immergrüner Pflanzen (Efeu, Buchsbaum, Stechpalme). Die Triebe wurden zu Girlanden geflochten und an den Fassaden befestigt, weil die ledrigen, gewachsten Blätter sich lange hielten. Nachdem aber so viele neue Kletterpflanzen verfügbar waren, wurde vielerorts versucht, diese grünen Girlanden durch dauerhafte Begrünungen an Rankdrähten zu ersetzen. Mitunter wurden auch Zierspaliere ohne Begrünung angebracht.

Grünschmuck nach alter Überlieferung, geflochtene Girlanden
Grün-Girlanden aus Buchsbaum-Verschnitt

Neue Kletterpflanzen

Die neuen Kletterpflanzen, die die Gestaltungspalette nun nochmals erweiterten, kamen aus Asien, oft per Umweg über England, so Akebie (1845), Baumwürger (1860), Wilder Wein (1862), des weiteren Kiwi (1874) und Knöterich (1899). Aus englischer Zucht kam 1858 auch die immer noch berühmte "Clematis Jackmannii". Es folgen bald hunderte Rosen- und Clematis-Züchtungen aus England und Frankreich, und um 1900 waren dann quasi alle der auch heute bedeutenden Kletterpflanzen etabliert.

Akebie an einem Gründerzeit-Gebäude
Gebäude des Historismus mit Akebie

Bildergalerie

Hier finden Sie begrünte Bauten aus der Epoche des Historismus, wo die Pflanzen mitunter noch aus der Erbauungszeit stammen. Bitte klicken Sie auf die Fotos!

Knöterich-Pflanzen am Schloss Püchau / Sachsen, ca. 1995 neu hinzugefügt - s. auch Titelfoto oben!
Staatsbibliothek Berlin im Neobarock (ca. 1910), Wilder Wein aus der Erbauungszeit stammend
Villa der Bäderarchitektur in Binz / Rügen / Mecklenburg-Vorpommern mit zwei alten Weinstöcken
Zwei Uralt-Blauregen an einem Wohnhaus in Potsdam / Brandenburg, vermutlich aus der Erbauungszeit stammend
Mit Blauregen begrünte Villa
Klettertrompete an einem Historismus-Giebel, vermutlich Neorenaissance
Wilder Wein an einem Nebengebäude, Quedlinburg / Sachsen-Anhalt
Knöterich an einem Gründerzeitquartier in Berlin
Uralte Gartenlaube mit Weinrebe in einem verwilderten Kleingarten
Weinspalier an einer Stadtvilla von 1862, Großraum Dresden / Sachsen
Zu Wohnungen umgebautes Gestüt in Industriearchitektur von ca. 1890, Blauregen, Kreuzvorwerk Halle a. d. Saale / Sachsen-Anhalt
Neo-Renaissance-Rathaus von 1885 mit Glyzinien begrünt, Lützen / Sachsen-Anhalt
Später hinzugefügte, kleine Blauregen-Spindel in einem Gründerzeit-Quartier mit Jugendstil-Gebäude, Wittenberg / Sachsen-Anhalt
Ein kleiner (vorne) und ein üppiger Feuerdorn (hinten), Gebäude aus der Neogotik im Park Babelsberg / Potsdam / Brandenburg
Kleines Rosenspalier analog zu Seilsystem 4020 an einem Gründerzeit-Gebäude, Leipzig / Sachsen
Drei- und Fünflappiger Wilder Wein an der neogotischen Kirchenruine Wachau bei Leipzig / Sachsen